Die große Versuchung

Die große Versuchung

In der letzten Woche hat die Veranstaltung offensichtlich reges Interesse bei vielen Erfurtern geweckt, denn kurz nach 15 Uhr waren knapp über 100 Personen der Einladung gefolgt: aus allen auf die Jugend bezogenen Berufssparten, aber auch Eltern und Jugendliche. Die Veranstaltung wurde dankenswerter Weise von den drei rotarischen Clubs RC Erfurt, RC Erfurt Krämerbrücke und RC Erfurt Gloriosa finanziert. Die Organisation hat der SuPEr e.V. übernommen, unterstützt durch den AK Suchtprävention des Landkreises Sömmerda. Marion Eich-Born, die Vorsitzende des SuPEr e.V., stellte hoch erfreut fest: „Mit einer solchen Resonanz haben wir bei der Planung nicht gerechnet. Das zeigt wie wichtig der Austausch zwischen Experten aus der Suchtprävention Sozialarbeitern, Lehrern, Eltern, Jugendlichen und weiteren mit der Jugend befassten Berufen ist. Das motiviert uns, auf diesem Weg weiterzumachen!“

Der Key-Note-Speaker Prof. Dr. Philip Heiser vom Südharzklinikum war ein sehr kompetenter Partner. Er trägt in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters Verantwortung. Gleich zu Anfang setzte er einen ernüchternden Ton für alle Beteiligten, machte jedoch viele Vorschläge, wie dieser Entwicklung zu begegnen ist.

Zum Stand und aktuellen Tendenzenunter Jugendlichen:

  • 2,6 % der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 12 bis 18 Jahren weisen die Kriterien für eine Cannabiskonsumstörung auf.
  • Wenn Cannabis täglich konsumiert wird, sind unter diesen Jugendlichen 25 bis 50 % von Cannabis abhängig.
  • Die Anzahl der vollstationären Behandlungen cannabisbezogener Störungen (zumeist männliche Patienten bis 15 Jahre) hat sich mit aktuell etwa 12 000 Fällen pro Jahr seit 2002 mehr als vervierfacht.
  • Die Gruppe der Personen mit cannabisbezogenen Störungen wird infolge sinkenden Einstiegsalters und riskanteren Gebrauchsformen stetig größer.
  • Kritische Mischintoxikationen haben stark zugenommen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Kombination von Cannabis, Ecstasy und Crystal. In Notfallsituationen stellen sie die behandelnden Ärzte vor erhebliche Probleme.
  • In den letzten beiden Jahren haben die Behandlungen von weiblichen Jugendlichen im Alter von 15-17 Jahren in den Kliniken extrem zugenommen. Die Mädchen werden häufig wegen Ängsten und Depressionen oft verbunden mit selbstverletzenden Verhaltensweisen und Suizidalität eingewiesen. Viele dieser Patientinnen betreiben einen regelmäßigen Drogenkonsum.
  • Männliche Jugendliche und Heranwachsende konsumieren in der Gesamtheit deutlich häufiger Drogen, allerdings zeigen sie meistens nicht diese Vielfalt an Symptomen im Jugendalter und werden dann erst im weiteren Verlauf im jungen Erwachsenenalter aufgrund ihres Drogenkonsums behandlungspflichtig.


ZumStand auf dem Drogenmarkt und der Wirkungsweise von Stoffen

Der Drogenmarkt hat in den letzten Jahren eine ausgesprochen dynamische Entwicklung genommen, die der European Drug Report 2024 sehr eindrucksvoll deutlich macht. Die Palette reicht von Cannabis, synthetischem Cannabis, über Kokain, Amphetamine, Metamphetamine, Cathinone, Ecstasy, Psychodelika, Opiate, Legal Highs, das sind Kräutermixturen und Badesalze, mit oft tödlichem Ausgang. Durch letztere aber auch bei Mischintoxikationen wissen Ärzte in den Notaufnahmen oftmals nicht, mit welchen Medikamenten sie die Patienten behandeln sollen. Immer stärkere Drogenvarianten überspülen den Markt mit hohem Abhängigkeitspotential. Die Cannabislegalisierung hat dazu beigetragen, dass Jugendliche unter 18 Jahren Cannabis häufiger konsumieren.

Gefahren für die Entwicklungjunger Menschen

Die angeblich weiche Droge Cannabis schädigt das junge noch nicht gänzlich entwickelte Gehirn, dessen Reifung ist in der Regel erst mit 25 Jahren abgeschlossen. Die Folgen des Konsums im jungen Alter sind eine dünnere Hirnrinde besonders im beidseitigen Präfontalkortex. Er ist vor allem für exekutive Funktionen verantwortlich:

  • Affektkontrolle
  • Handlungsplanung und -steuerung
  • kombinatorisches Denken und Lösen von Problemen anhand bereits gesammelter Erfahrungen
  • Entscheidungsfindung
  • Arbeitsgedächtnis

Es handelt sich also um eine Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten.
Schließlich ist mit häufigem Konsum im jungen Alter ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Psychosen verbunden. Die gesundheitlichen Folgen verschärfen sich, wenn Cannabis als Einstiegsdroge für härtere illegale Drogen aus dem bereits genannten umfassenden Portfolio wirkt (Spektrum der Wissenschaft und J.P-Connor sowie D. Lecca et al). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass neben den psychischen und organischen Folgen auch die sozialen Konsequenzen nicht zu vergessen sind.

Wasbeeinflusst die Risikobereitschaft der Jugendlichen?

Esist vor allen Dingen das Bestreben sich persönlich stabilisieren zu wollen über

  • Stiftung von Identitätsgefühlen
  • Selbstwertfindung, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Freundeskreis steht…
  • nämlich dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung.

Dazukommen neben den typischen Entwicklungsthemen der Pubertät externe Faktoren hinzu: Die Auswirkungen der Covid-Krise, die Klima- und Wirtschaftskrise, zunehmender Terrorismus und Kriege. Die Häufung der Krisen trägt zu erheblicher Verunsicherung unserer nachwachsenden Generation bei. (Quelle:COPSY Studie)



Wo liegt die Verantwortung für Prävention? Eltern, Schulen, Politik

Die erste Instanz sind die Elternhäuser. Zunächst einmal gilt, dass Kinder sich gerne an elterlichen Modellen und gesellschaftlichen Normen orientieren. Wichtig ist die gemeinsame Zeit in der Familie im Sinne positiver Beziehungsrituale, also kontinuierlicher, ermutigender Kommunikation, um Selbstwirksamkeit zu fördern. Darunter verstehen wir die Fähigkeit, selbst schwierige Aufgaben, Herausforderungen oder Probleme selbst bewältigen zu können. Gerade in der Pubertät ist es wichtig, die labile Gefühlswelt von jungen Menschen zu beachten, sie nach dem Sinn ihres eigenen Lebens suchen, den Glauben an sich selbst entwickeln müssen. Gerade vor dem Hintergrund der Krisen unserer Zeit sind dies wichtige Grundpfeiler für persönliche Stabilität. Sobald Eltern jedoch den Verdacht hegen, dass ihr Kind Drogen nimmt, sollten sie offen, wertschätzend mit ihrem Kind sprechen und je nach Ausmaß der Verhaltensänderung unterschiedliche Hilfsangebote aussuchen. Hier sind die Beratungslehrer und Schulsozialarbeiter, Suchtberatungsstellen und Familienzentren sowie Psychotherapeuten und Ärzte als Anlaufstellen zu sehen.

Die zweite Instanz sind Schulen: Eine umfassende Folie bot eine breite Vielfalt von Möglichkeiten, von denen viele in den Schulen schon bedacht werden. Auf der Basis der Erkenntnisse positiver Psychologie und Pädagogik zählen dazu ein positives Schulgemeinschaftsgefühl, Gemeinschaftsidentität, projektorientiertes Lernen, Sozialtraining, fächerübergreifende Projekte zur Erörterung von Sinnfindung, Anerkennung und Preisverleihungen sowie Gesundheitsförderungs-konzepte.

Die politische Verantwortung für Prävention

Die Suchtprävention wird zunehmend wichtiger, weil der Drogenmarkt sich sehr dynamisch entwickelt mit immer stärkeren Drogen mit hohen Abhängigkeitspotential. Die Suchtberatungsstellen müssen flächendeckend ausgebaut werden, um weitere Präventionsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche anbieten zu können. Durch die Legalisierung von Cannabis über 18 Jahren ist noch mehr Prävention notwendig, da wir aus anderen Ländern wissen, in denen Cannabis ab 18 Jahren legalisiert worden ist, dass Jugendliche dann auch häufiger Cannabis konsumieren und in der Folge häufiger psychische Erkrankungen erleiden.

Prof. Heiser lobte ausführlichdas Präventionsprojekt Revolution Train und begründete das mit der hohen Beteiligungsrate der Jugendlichen vor Ort (450 pro Tag), der Begleitung und Nachbereitung durch die Schulen. Die Beteiligung der regionalen Träger aus der Jugendarbeit und Suchtprävention bei den Führungen durch den Zug trägt zur Netzwerkstärkung der Präventionsakteure in der Region bei. Die statistische Befragung der Besucher über ihr Konsumverhalten schafft zudem Transparenz zur Konsumlage in der Region. Der Zug ist ein wesentlicher Faktor bei der Initiation von Bewusstmachungsprozessen innerhalb der Peer Group, die oftmals der Auslöser für den ersten Joint ist.